Wochenzeitung Krefeld vom 14. September 2002

Fast ein Turm zu Babel
Im Museum Burg Linn wird der Donjon von Coucy aufgebaut -
eine der größten Festungsanlagen als weltgrößtes Modell.


Von Heinz-J. Ingenpahs
In nur drei Jahren, von 1226 bis 1229, stampfte der Baron von  Coucy, einer der reichsten Männer seiner Zeit, auf einem kleinen Hügel in der Nähe Laon eine Burganlage aus dem Boden, die wohl zu den größten jemals gebauten Festungen gehörte. Bernhard Siepen schafft es mit seiner kleinen Crew, ein Modell dieser Burganlage in vier Tagen aufzubauen. Es ist das größte Architekturmodell, das jemals auf Erden gebaut wurde. Zwei Superlative!
Zu sehen ist dieser Donjon von Coucy in einigen wenigen Tagen in der neuen Schiffshalle des Museums Burg Linn. Das Modell nimmt fast den ganzen großen Raum ein, misst es doch 36 Quadratmeter und ist rund 2,40 Meter hoch. In der Mitte der nur angedeuteten Gesamtanlage ragt der eigentliche Donjon (Wehr-turm) empor. Er ist von der zahlreichen Gebäuden der inneren Burgenanlage umgeben. Darüber hinaus greift das Modell auch
noch    einen    kleinen    Teil   der

Vorburg. Staunend steht man davor und vernimmt die Angaben von Bernhard Siepen: Allein der zentrale Rundturm maß einst im Original 31 Meter im Durch-messer und war 54 Meter hoch. Die Wände waren zum Teil sieben Meter dick. Siepen, Vorsitzender der in Aachen beheimateten Gesellschaft für internationale Burgenkunde, hat vor Ort selbst Messungen angelegt und Nachforschungen betrieben - wie an 130 anderen französischen Donjons. Er kennt sich also aus.
Das Modell im Maßstab von 1:25 läßt gleichzeitig 800 Jahre Geschichte lebendig werden. Gebaut wurde der Donjon von Coucy zur Zeit des dritten Kreuzzuges. Wesentliches Motiv des Erbauers ist es sicherlich gewesen, sich in dieser unruhigen Zeit eines vakanten Königsthrons selbst zum Herrscher aller Franzosen aufzuwerfen. Das gelang zwar nicht. Aber das Geschlecht der Coucys hatte danach immer ein Wörtchen mitzureden,    wenn   es   um    die

Machtbalance in Frankreich ging. Das Modell, das leider erst ab nächsten Sonntag zugänglich sein wird, beschränkt sich nicht auf die (allerdings überwältigende) Architektur. Rund um das (teils aufgeschnittene) Modell und in diesem tummeln sich außerdem rund 2500 teils handgefertigte Figuren in 150 Einzelszenen. Parallel erblickt man auf der einen Seiten eine Belagerung mit Truppen und Gerät, sieht im Innern, wie Verwundete behandelt werden. An anderer stelle gibt's Einblicke in eine Waffen-schmiede, pokulieren Ritters-leute in froher Runde oder üben sich im Waffengang; hier dampft die Burgküche, dort ist man beim Gottesdienst. Und damit man nicht nur schaut und staunt, werden ab nächsten Sonntag auf einigen Dutzend zusätzlichen Informationstafeln weitere Hintergründe und Details erzählt.
Und dann baut Siepen noch ein zweites Modell auf, ein veritables Ritterturnier französischer Art mit einigen hundert Figuren.

Belagerte Festung: In einer Woche wird das Modell des gewaltigen Donjons von Coucy in der neuen Schiffshalle des Museums Burg Linn zu sehen sein.
                                      Foto: Dirk Jochmann