Rheinische Post vom 14. September 2002

Ausstellung französischer Donjons
54-Meter-Rekord des Barons Enguerrand III.


Das Lazarett ist überfüllt. Hier fließt viel Blut. Auf Feldbetten liegen notdürftig Verarztete. Die Schrecken des Kriegs sind plastisch: Wir schreiben das Jahr 1339. Die Burg von Coucy ist im Belagerungszustand. Ein paar Schritte weiter sitzen stolze Ritter hoch zu Ross. Der französische Hochadel trifft sich zum Ritterturnier. Im Rittersaal des Turms wird die Tafel gedeckt. An den Wänden hängen die Wappen der wichtigen Königshäuser. Alles ist bereit fürs Festmahl. Unterhalb, dort wo die Kerker sind, setzen fleißige Hände noch den Akkuschrauber an. Die Vorbereitungen für die Ausstellung laufen auf Hochtouren: Ab 22. September zeigt das Museum Burg Linn in der fast fertiggestellten Schiffshalle ganz besondere Szenen mittelalterlichen Lebens: Die Gesellschaft für Internationale Burgenkunde Aachen (GIB) hat auf einer Grundfläche von sechs mal sechs Metern den Donjon von Coucy errichtet. Im Maßstab 1:25 ist der Donjon, ein Wohnturm und letzte Zuflucht der Burg, erstanden.

Zeichen der Macht

Von 1226 bis 1229 hat Baron Enguerrand III. in Coucy (nahe

Soisson) die monumentale Feste errichten lassen, ein Donjon war Zeichen von Macht, und Enguerrand hatte Ambitionen auf den Königsthron. Die Krone hat er nicht bekommen, aber hätte es das Guiness-Rekordbuch damals schon gegeben, der Baron hätte drin gestanden. 31 Meter maß der Turm im Durchmesser, 54 Meter war er hoch und die Wände bis zu 7,50 Meter dick. 1917, im Ersten Weltkrieg, wurde die Burg von der deutschen Armee zerstört.

2400 handbemalte Figuren

Rekordverdächtig ist aber auch das Ausstellungsstück, das an . seiner höchsten Stelle 2,40 Meter misst. 2400 kleine Kunststoff-Figuren stellen 150 Szenen mittelalterlichen Lebens dar. Akribische Arbeit steckt in dem Projekt, das Geschichte in schillernden Farben erzählen will. Zehn Jahre lang hat der Architekt Bernhard Siepen über französische Donjons recherchiert. Aus den 1100 hat er unter architektonischen, archäologischen und geschichtlichen Aspekten 130 ausgewählt für eine zweibändige Publikation. Doch dann kam die Idee des naturgetreuen Nachbaus. Als sich 1996 die GIB gründete begannen die Bauarbeiten. Die

Entscheidung für Coucy fiel schnell. Es war der größte Turm Frankreichs. "Hier gab es den drittgrößten Rittersaal des Landes und die vier Burgtürmen waren alle größer als jeder königliche Donjon", erzählt Siepen.
4,5 Tonnen wiegt das Mittelalter-Szenario. Neun Tage ist das fünfköpfige Team der GIB mit Auf- und Abbauarbeiten beschäftigt. Um die Figuren authentisch anzumalen holt Siepen sich Hilfe in Schulen. Denn junge Leute soll das Projekt, das wissenschaftliche Daten per Schautafeln liefert, vor allem ansprechen. 500.000 Menschen haben den Donjon von Coucy bereits gesehen - unter anderem auch in New York. In Krefeld haben Besucher die Gelegenheit bis zum 8. Januar. Zum Eintrittspreis wird ein Zuschlag von etwa 1 Euro erhoben, der Erlös kommt der GIB zugute.

Denn die hat bereist ein neues Projekt in Vorbereitung: Die Belagerung der Johanniterburg Marqab 1285 und ein Modell des Bazars von Aleppo.

PETRA DIEDERICHS

Neun Tage Arbeit sind notwendig, bis der Donjon von Coucy steht. Am 22. September wird die Schau eröffnet.     RP-Fotos (2): Thomas Lammertz