Magazin als Beilage der Aachener Zeitung und der Aachener Nachrichten vom 24. September 2005

Thema Steinreich
Ein Traum von Burg
Die Burgengesellschaft baut in Aachen den syrischen "Crac des Chevaliers" nach -
Ausstellung in
Fankfurt am Main


Von Andrea Zuleger

Sein großer Traum ist aus Stein gebaut und viele tausend Kilometer weit weg. In Syrien steht die größte und best erhaltene wehrhafte Burganlage aus Basalt und Sandstein des 12. Jahrhunderts. Diplom-Ingenieur Bernhard Siepen, leidenschaftlicher Burgenforscher und Vorsitzender der Gesellschaft für Internationale Burgenkunde Aachen (GIB), holt die gigantische Feste aus der Ferne des Orients in die unmittelbare Nähe des Okzidents. Mitten in Aachen baut er gemeinsam mit Ingenieur und Schreinermeister Andranik Melikjan und einem Dutzend Jahrespraktikanten die eindrucksvolle Burg nach ­ im Maßstab 1: 25.
“Es ist mit seinen 36 Quadratmeter Grundriss meines Wissens das größte Burgmodell, das es bislang gibt“, erzählt der freie Architekt aus Aachen nicht ohne Stolz. Schon als kleiner Junge haben Bernhard Siepen Burgen und Szenen des Mittelalters fasziniert: “Ich habe Ritterfiguren der Marke gesammelt und gehütet wie meinen Augapfel. Auch Jahrzehnte später habe ich sie noch ­ sorgfältig in Watte gepackt ­ auf dem Dachboden aufbewahrt“, erinnert sich Siepen. Irgendwann hat er die Figuren seinem Patenkind geschenkt und sich vorgenommen, ihm auch eine maßstabsgerechte Burg für die Figuren zu bauen. “Aber irgendeine Fantasieburg war mir zu billig, ich wollte eine historische Anlage nachbilden“, erzählt Siepen.

 Beeindruckend fand der Aachener französische Donjons, jene mittelalterlichen Wohntürme, in denen Adelige vom Baron bis zum König lebten und die eine unglaubliche Formenvielfalt kennzeichnet, weil sie nicht nur Burg, sondern zugleich Residenz und Machtsymbol sind. In Frankreich kennt man 1100 dieser Donjons, von denen Bernhard Siepen 150 nicht nur besucht, sondern auch vermessen hat.
Auch in Syrien war Bernhard Siepen, um sich den “Crac de Chevaliers“ anzuschauen, der von Archäologen und Burgenkundlern bereits gut erforscht ist. Mit der Burg in Syrien verbindet Siepen eine besondere Erinnerung: “Ich habe eine Nacht auf der Burg geschlafen. Von dort den Sonnenaufgang über dem schneebedeckten Libanon-Gebirge zu betrachten, ist einfach fantastisch. Außerdem ist sie noch relativ gut erhalten.“
Vor allem ein historisches Ereignis im Mittelalter machte diesen Ort bis in die heutige Zeit hinein berühmt. Lange galt die Burg, die von den christlichen Johannitern erbaut und bewohnt wurde, als uneinnehmbar ­ genau bis zum 29. März 1271. Da belagert und bombardiert der Mamlukensultan Baibars mit tausenden Soldaten den “Crac des Chevaliers“. Die Bewohner der Burg können zunächst die Eroberer abwehren, geraten jedoch von einer Seite zunehmend unter Druck, da die Soldaten von Baibars eine Seite der Festung untertunneln und so einbrechen. Das zunächst einmal statische Modell soll auf diese Art lebendig und bewegt wirken, der dynamische Prozess der
 Belagerung einen Film im Kopf des Betrachters in Gang setzen, ohne allerdings auf eine rein militärische Ebene abzuheben: “Natürlich ist eine Belagerung eine militärische Angelegenheit. Die Darstellung der Szenen mit den hunderten von Figuren, die den Kampf zwischen Muslimen und Christen verdeutlichen, sagt jedoch viel über die Lebens- und eben auch Kampfbedingungen jener Zeit aus“, sagt Bernhard Siepen. Zudem zeigen der Blick in Dormitorium (Schlafsaal) und Refektorium (Esssaal), wie das alltägliche Leben auf der Burg aussah. Die szenische Darstellung lockt auch Besucher, die vielleicht eine rein historische Ausstellung meiden würden. Dadurch ist der “Crac“ für Mediävisten genauso interessant wie für Laien. Das originalgetreue Modell basiert auf den wissenschaftlichen Grundlagen der aktuellen Forschung ­ auch wenn manche Daten noch nicht abschließend geklärt sind: “Man streitet sich noch über ein paar Details. Doch in unserem wissenschaftlichen Team haben wir selbst eine Entscheidung darüber getroffen, welche Bauweise wir für wahrscheinlich halten. Die Diskussion darüber wird auch Teil der Ausstellung sein“, verrät Siepen. Doch jetzt müssen sich er und sein Team ranhalten. Bis Anfang November muss der “Crac“ fertig sein ­ dann wird er gemeinsam mit dem 16 Quadratmeter großen Basar von Aleppo, der bereits in Aachen und Düsseldorf zu sehen war, in einer Ausstellung des Archäologischen Museums in Frankfurt am Main gezeigt.