HANDWERKSWIRTSCHAFT - Monatszeitschrift der Handwerkskammer Aachen

60.Jahrgang  Nr.1  Januar 2005
Rubrik: Das Beste zum Schluss

Modellbau - Gesellschaft für Internationale Burgenkunde lässt die Zeit der Kreuzfahrer aufleben
Blühendes Mittelalter im Maßstab 1 : 25


Aachen. 36 Quadratmeter beträgt die Grundfläche eines Modells - eine mächtige Burganlage aus der Zeit der Kreuzfahrer. Durchgestaltet bis ins letzte Detail lässt es diesen Abschnitt des Mittelalters lebendig werden. Noch besteht der „Crac des Chevaliers“ nur auf Plänen. Bis November dieses Jahres will die Gesellschaft für Internationale Burgenkunde Aachen e.V. (GIB) den originalgetreuen Nachbau der Johanniter-Feste im Maßstab 1:25 vollenden. Die Premiere findet am 4.November ds. Js. im Archäologischen Museum der Stadt Frankfurt/ Main statt.

 

Für die Verwirklichung des ehrgeizigen Projektes muss das Team um den Vorsitzenden Bernhard Siepen noch Tausende Arbeitsstunden in Werkräumen der Handwerkskammer Aachen leisten. Die authentische Wiedergabe des monumentalen Bauwerks erfordert nicht allein wissen-

schaftliche Gründlichkeit und sorgfältige Planung. Es ist

auch viel gestalterisches und technisches Geschick vonnöten, um ein Modell in dieser Größenordnung zu

bauen und Szenen aus der spannenden Belagerung dieser Burg nachzustellen.        

 

Mehr als ein Hobby

„Das ist kein Spiel“, meint Siepen, freischaffender Architekt aus der Kaiserstadt, der sich bereits 20 Jahre intensiv mit Profanbauten aus dem Mittelalter beschäftigt. Sein Interesse galt vornehmlich den Donjons, den mächtigen Wohn- und Wehrtürmen in französischen Burgen, die als Heimstatt, Residenz und Machtsymbol des Adels dienten. Unterstützt von seiner Ehefrau Iris und einem befreundeten Kollegen, ergründete der Diplom-Ingenieur die Geschichte von mehr als 130 Donjons, maß sie auf, korrigierte die vorhandenen oder zeichnete neue Pläne.

 

Bei der Beschäftigung mit diesem Thema knüpfte Siepen zahlreiche Kontakte zu Fachleuten und kam auch mit der französischen Botschaft ins Gespräch, ermöglicht durch den vor wenigen Jahren verstorbenen Aachener und Europapolitiker Dr. Hans Stercken als geschichtsbegeisterter Journalist und Archäologe . Da blieben neue Herausforderungen nicht aus: Herrn Siepen erreichte die Anfrage, ein naturgetreues Modell eines Donjons zu bauen - im Alleingang wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb suchte der Aachener nach Verbündeten und bereitete die Gründung der GIB vor. Während des Deutsch-Französischen Kolloquiums 1996 hatte er Gelegenheit, einem ausgewähltem Publikum seine Materialsammlung zu präsentieren und für die im April 96 vorgesehene Gesellschaftsgründung zu werben.

 

Erfolgreiche Wanderausstellung

Zwei Jahre später war es dann soweit: In der Kundenhalle der Sparkasse Aachen am Münsterplatz prangt ein sechs mal sechs Meter großer Nachbau des Donjon von Coucy, des größten Wohn- und Wehrturms in Frankreich und des Abendlandes, der während des Ersten Weltkriegs leider gesprengt wurde. Nicht nur in Amerika wurde die mächtige Dynastie der Enguerrand durch den Bestseller von Barbara Tuchmann „Der Ferne Spiegel“. bekannt. Begleitet von 52 dreisprachigen Informationstafeln, zeigt das imposante Modell die Burganlage in der Zeit ihrer Belagerung durch englische Truppen 1339.

2.500 individuell gestaltete, handbemalte Figuren der Fa. Preiser erzählen die Geschichte dieser Belagerung in unzähligen Szenen. Sie zeigen beispielsweise Ritter und Knappen, Schmiede und Köche, Gaukler und Spielleute. Eine zusätzliche Bereicherung liefert ein Ritterturnier im Verlauf des 14.Jhdts in den Wappenfarben des französischen Hochadels, das unter Mitwirkung von Aachener Schülern entstanden ist.


Mehr als eine halbe Million Besucher - darunter 1.000 Schulklassen - erlebten die Ausstellung „Französische Donjons“, die noch zuletzt im „Haus der Architekten“ in Düsseldorf, Sitz der Architektenkammer NRW, für unerwartet hohen Besuch sorgte. Sie machte bisher 18-mal Station in Deutschland, Europa und den USA und fand auch in den Medien große Beachtung. Bei der nicht einfachen Logistik des Überseetransportes halfen die Auslandsabteilungen der Fa. Schenker und der IHK mit.  Ein 256-seitiger, viersprachiger Ausstellungskatalog ist in der GIB-Geschäftsstelle erhältlich. Der Erfolg bestätigte Siepen und seine Mitstreiter in der Entscheidung, ein neues Projekt anzugehen: „Burgen und Basare - Mittelalterliche Lebensformen des Vorderen Orients“.

Kultureller Brückenschlag

Unter maßgeblicher Beteiligung eines wissenschaftlichen Beirats führt es in die Epoche der Kreuzfahrer und stellt eine Auswahl von Burganlagen vor, die heute in der Türkei, in Syrien, Jordanien, dem Libanon, Israel und auf Zypern liegen. Ein ausführliches Begleitbuch und 60 viersprachige Schautafeln verdeutlichen die Langzeitwirkung dieses Kapitels der Geschichte. Die Ritter und Pilger aus Europa brachten von ihren Reisen in den Nahen Osten neue Erfahrungen mit. Der kulturelle Brückenschlag zwischen Abend- und Morgenland beflügelte Bautechnik, Wissenschaft und Handel.

 

Ein zentraler Teil der Ausstellung ist das bereits fertige Modell des Basars von Aleppo, eines bedeutenden Handelszentrums an der Schnittstelle zwischen christlicher und islamischer Welt, das 1517 zweimal so viele Einwohner zählte wie Köln. Eine große Karawanserei und ein orientalisches Bad in der Nähe der Freitagsmoschee bilden auf 16 Quadratmeter Fläche die malerische Umgebung für 750 Figuren, die auch Handwerker vor ihren Werkstätten und beim Verkauf ihrer Waren zeigen: Töpfer und Teppichknüpfer, Bäcker, Metzger, Schreiner, Gewürz- und Gemüseverkäufer, Eisen-, Silber- und Goldschmiede.

 

Jahrespraktikanten helfen mit

Nicht weniger eindrucksvoll wird die Rekonstruktion des „Crac des Chevaliers“ zur Zeit der Belagerung durch den Mamlukensultan Baybars 1271 ausfallen, so ist Siepen überzeugt. Als Basis für das raumfüllende Modell schafft ein Aachener Metallbauer eine zerlegbare Stahlkonstruktion. Die Holzarbeiten übernimmt ein bewährtes Gespann. In passgenauen Segmenten bauen die Schreinermeister Andranik Melikjan und Heinrich Barth die Mauern, Pfeiler, Türme und Tore der Johanniterburg, den Rittersaal, die Küchen und den Schlafsaal. Die Einzelteile und ihre Transportkisten müssen so handlich bemessen werden, dass sie sich im Lkw gut verstauen und auch über schmale Treppen befördern lassen, gleichzeitig aber auch für einen Überseetransport geeignet sind .

Beim Modellbau, Modellieren von Masterfiguren, Formenbau, Gießen und Bemalen der etwa 2000 benötigten Figuren, die aus Vorlagen der Firma Preiser und aus eigenen Kreationen entstehen, können vier Jahrespraktikanten (innen) der Aachener Fachoberschule für Gestaltung ihr künstlerisches Talent beweisen. Wie rund zwei Dutzend Vorgänger lernen die jungen Leute unter Anleitung des GIB-Vorsitzenden und verantwortlichen Projektleiters u.a. die Vorbereitung eines Ausstellungsfilmes, Bildmaterial zu erstellen und zu bearbeiten, Publikationen zu layouten, und Plakate zu entwerfen. Dabei sind Computer, Camcorder, Analog- und Digitalkamera ihre wichtigsten Hilfsmittel. Bei den verschiedenen Montagen im In- und Ausland lernen die jungen Leute, verantwortungsvoll im Team mitzuarbeiten.

 

Noch liegt eine Menge Arbeit vor dem Team um Herrn Siepen, das sich auf weitere ehrenamtliche Helfer stützen kann. Bis zur Ausstellungseröffnung am 4. November muss das Werk vollendet sein - notfalls werden Zusatzschichten an den Wochenenden eingelegt. Womöglich beteiligen sich auch einige Architekturstudenten der RWTH Aachen innerhalb eines Kompaktseminars tatkräftig an dem Projekt. Nach Absprache mit den Lehrstühlen für Baukonstruktion und Baugeschichte könnten sie Hand in Hand mit dem Modellbauteam ein besonders künstlerisches Modelldetail in der hochschuleigenen Modellbauwerkstatt ausgestalten: das Vestibül, den Rittersaal und den angrenzenden Talus.

 

Nach der Premiere in Frankfurt am Main wird die Ausstellung im März 2006 über den Großen Teich gehen. Ein fünfmonatiger Folgetermin im Museum der weltweit bekannten National Geografic Society in Washington D.C.  ist bereits fest gebucht.

 

INFO:

Gemeinsame USA-Kanada-Tournee

Noch bis zum 6. März ist die Ausstellung „Französischen Donjons“ im Bergischen Museum Schloss Burg an der Wupper, Schlossplatz 2, Solingen, zu sehen.  Danach soll der Donjon von Coucy bis Mitte Dezember ds. Js. unter dem Dachstuhl des mächtigen Donjons des Château Sully-sur-Loire weiterhin auf sich aufmerksam machen, ehe die Ausstellung erneut nach Amerika reist, diesmal nach Omaha/ Nebraska ins berühmte Joslyn Art Museum und dessen Erweiterungstrakt, der noch vor wenigen Jahren von dem bekannten Architekten Sir Norman Foster durchgeführt wurde.

Auf einem GIB-eigenen Stand akquirierte Herr Siepen noch im Mai 2004 während der Museumsmesse in New Orleans für eine zeitgleiche USA-Kanda-Tournee beider Ausstellungen. Trotz des auch für die Kaiserstadt Aachen großen Erfolges ist die GIB schon wegen ihrer sehr aufwendigen Ausstellungslogistik auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Weitere Informationen über die GIB finden sich im Internet unter www.burgenkunde.de.

 

 


Schnittstelle zwischen Abend- und Morgenland:
750 handbemalte Figuren bevölkern das beeindruckende Modell des Basars von
Aleppo, das Teil der neuen Ausstellung wird.        

            

Das Bauteam um den Projektleiter Bernhard Siepen (l.) studiert an einem Papiermodell das imposante Erscheinungsbild des "Crac des Chevaliers". In einem Werkraum der Handwerkskammer Aachen entsteht die Johanniterburg im Maßstab 1:25 bis November entstehen.


Der originalgetreue Nachbau des Donjons von Coucy gestattet dem Betrachter auf der Rückseite einen interessanten Einblick in die Innenräume des größten Wohn- und Wehrturms im mittelalterlichen Frankreich.