Grenz-Echo vom 17. November 1997

In Aachener Garage entsteht der Donjon von Coucy wieder  
Authentizität ist oberstes Gebot 


Heinz Godesar
Aachen. - Einst war er der mächtigste Turm Europas. Höher a1s der Donjon der Burg des Königs von Frankreich. Deutsche Soldaten sprengten den .mächtigen Turm am 27. März 1917 mit 28 Tonnen Dynamit in die Luft. In Aachen entsteht das Kulturdenkmal zur Zeit in einer Garage neu, im Maßstab 1:25.

Bauherr des Modells des Donjons von Coucy-le-Château-Auffrique im Arrondissement Laon im Nordosten Frankreichs ist die Gesellschaft für Internationale Burgenkunde Aachen e.V. (GIB). Das Modell entsteht in der Garage des Architekten Bernhard Siepen am Grindelweg 4. Bernhard Siepen ist der 2. Vorsitzende der GIB, deren Präsidentenamt der Parlamentarier Dr. Hans Stercken inne hat. Der Bau des Modells macht gute Fortschritte, so gute, daß die Turmbauer mittlerweile unter Platzmangel leiden.

Prestigeresidenz

In der Tat bietet die geräumige Doppelgarage, aus der das Ehepaar Siepen seit einigen Monaten die Autos verbannt hat, den drei Handwerkern, die ständig am Bau des Modells der Burg von Coucy-le-Château arbeiten, kaum noch Bewegungsfreiheit. Schließlich soll nicht nur der mächtige Donjon wiedererstehen, sondern auch dessen Umfeld, d.h. Teile der Kernburg. Das gesamte Modell, das aus Eichenholz gefertigt wird, nimmt eine Fläche von 5,38x3,20 Metern ein. Der Turm, de im 13. Jahrhundert als Wolkenkratzer galt, wird etwa 2,40 Meter hoch werden.
Errichtet wurde der Donjon, der Wohn- und Verteidigungsturm der Burg von Coucy in den Jahren 1225 bis 1245 unter Enguerrand III. Er hatte eine Höhe von 54 Metern und einen Durchmesser von 32 Metern. Mit seinen bis zu 7,5 Metern starken Mauern galt er als Prestigeresidenz gegen den französischen König Philippe-Auguste II. Enguerrands Ziel,  König   zu  werden,   wurde  freilich

durch Blanche de Castille vereitelt. Ihm blieb nur die hochmütige Devise: „Ich bin weder König noch Fürst, nicht einmal Graf, aber ich bin der Herr von Coucy“.

In die Luft gejagt

Die Burg von Coucy konnte sich wirklich sehen lassen, wie alte Fotos und die Aufmaße der Anlage verraten. Die den Donjon umgebende Mantelmauer hatte eine Höhe von 20 Metern und eine Basisstärke von 10 Metern. Die Durchmesser der vier Flankentürme der Kernburg liegen zwischen 15 und 20 Metern. Jeder dieser Türme überragte die königlichen Donjons an Größe.
Die Anlage wurde zuletzt im vorigen Jahrhundert durch den bekannten Burgenrestaurator Eugène Viollet-le-Duc instandgesetzt. Eine gründliche Aufmessung und fotografische Dokumentation erfolgte 1915 durch den Gründer der deutschen Burgenvereinigung Prof. Bodo Ebhard im Auftrag Kaiser Wilhelm II. Ais jedoch die deutschen Truppen das 700-Seelen-Dorf Coucy im März 1917 räumen mußten, jagten sie das Kulturdenkmal, das fast 700 Jahre lang allen Stürmen getrotzt hatte, in die Luft.

Wiedergutmachung

Die GIB versteht den Nachbau des Donjons von Coucy a1s Modell auch als eine Art der Wiedergutmachung. Die Aachener Burgenfreunde streben eine enge Zusammenarbeit mit der „Association pour la restauration du Donjon de Coucy“ an. Mit der „Société Francaise d'Archéologie“ besteht bereits eine Kooperation.
Das Modell, das zur Zeit in Aachen entsteht, wird der Öffentlichkeit vom 9. bis zum 27. März kommenden Jahres im Rahmen einer großen Ausstellung zum Thema „Donjons“ in der Kundenhalle der Aachener Sparkasse am Münsterplatz präsentiert. Später soll es in Soissons bei Coucy-le-Château, in Loches und in Paris gezeigt werden. In Paris wird noch ein geeigneter Ausstellungsraum gesucht, dieser sollte zentral gelegen und etwa 200

Quadratmeter groß sein.

Nach Vorbild

Beim Bau des Modells legt die GIB größten Wert auf Authentizität. Jedes Detail des mächtigen Donjons und der Nebenanlagen wird sorgfältig nachgebaut. Dazu werden selbst Steine maßstabsgerecht aus Eichenholz geschnitten und mit Leim „aufeinandergemauert“. Das Modell wird teilweise aufgeschnitten, so daß auch das Innere des Donjons, mit seinen drei von mächtigen Gewölben gekrönten Geschossen sichtbar ist.
Wenn das Bauwerk fertig ist, wird es mit fast 3000 Figurinen belebt. Mit den Figürchen, die von Mitgliedern der GIB zum Teil selber angefertigt werden, werden Szenen aus dem Alltag in einer mittelalterlichen Burg nachgestellt, um so das Leben in jener Zeit anschaulich zu machen.

Halle gesucht

Ergänzt wird die Zurschaustellung des Modells durch 50 dreisprachige (deutsch, französisch und englisch) Schautafeln mit Fotos und Zeichnungen von französischen Donjons auf denen auch die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe, die zum Bau dieser wehrhaften Wohntürme geführt haben, anschaulich gemacht werden.
Die GIB zählt zur Zeit 63 Mitglieder. 17 davon beteiligen sich aktiv an der Vorbereitung der Ausstellung. Wer Lust hat mitzumachen, ist herzlich willkommen. Dringend benötigt wird eine Halle von etwa 200 Quadratmetern Grundfläche, um das Modell und die Schautafeln unter besseren Bedingungen als jetzt fertigstellen zu können. Auch Sponsoren werden noch gesucht, um die Kosten für das Zwei-Millionen-Franken-Projekt aufzubringen.
Einzelbesucher und Familien oder Schulklassen, die sich die Arbeit am Modell anschauen möchten, sind nach Voranmeldung herzlich willkommen. Auskünfte erteilt Bernhard Siepen unter der Rufnummer 0049 / 241 / 60 45 00.     hego

 

Recht eng ist es in der Werkstatt der GIB am Grindelweg in Aachen. Hier arbeiten Andranik Melikjas, Bernhard Siepen, Norbert Schmitz und Vladimir Kazatskij am Modell der Burg von Coucy-le-Château.

 

 Geschichtsunterricht in der Werkstatt der GIB. Das Foto zeigt die siebte Klasse des Einhard-Gymnasiums mit dem Modell einer mittelalterlichen Steinschleuder, wie sie bei Belagerungen eingesetzt wurden.