Grenz-Echo vom 31. März 2002

Ehrgeiziges Projekt der Gesellschaft für Internationale Burgenkunde
In Aachen wird die Johanniter Burg Marqab nachgebaut


Aachen
Von Heinz Godesar

Im Jahr 1285 schlug die Stunde für die Johanniterburg Marqab an der nordsyrischen Küste. Die Kreuzritter konnten der Belagerung durch das Heer des Sultans Qala'ûn nicht länger standhalten und kapitulieren.

Diese Szene ist Gegenstand eines neuen Projekts der in Aachen ansässigen GIB.
Die 1996 gegründete Gesellschaft für Internationale Burgenkunde (GIB) will sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen, die sie mit ihrer Wanderausstellung »Französische Donjons« mit dem maßstabgetreuen Nachbau des mächtigen wehrhaften Wohnturms von Coucy als Mittelpunkt, allenthalben geerntet hat.

Belagerungsszene

Während diese Ausstellung weiterhin die Menschen begeistert - zur Zeit ist sie im Museum Schloss Rheydt in Mönchengladbach zu sehen - wendet sich die GIB neuen selbstgestellten Aufgäben zu. »Burgen zur Zeit der Kreuzzüge« lautet das neue Thema. Geplant ist der Bau von zwei authentischen Modellen im Maßstab 1:25.
Zum einen die Belagerung der Johanniterburg Marqab im Jahr 1285, zum anderen ein Ausschnitt des Basars von Aleppo. Beide Modelle werden, ähnlich wie das bestehende des Donjons von Coucy-le-Château-Auffrique, mit einigen Tausend Elastolin-Figürchen belebt, die von den

Mitgliedern der GIB und von ehrenamtlichen Helfern individuell gestaltet und bemalt werden.
Für die wissenschaftliche Erarbeitung und Begleitung des Projekts konnte der Vorsitzende der GIB, der Aachener Architekt Bernhard Siepen 13 anerkannte Fachleute gewinnen, die sich zweimal im Jahr treffen, um Einzelheiten des Vorhabens zu planen.

Sensibles Thema

"Es war mir wichtig, dass ein wissenschaftlicher Beirat dieses komplexe Projekt begleitet. Besonders mit der Darstellung der Schlacht um Marqab behandeln wir ein sensibles Thema, das nach den Ereignissen vom 11. September 2001 noch an Brisanz gewonnen hat. Der Beirat hat sich freilich bereits im November 2000 konstituiert, also lange vor den Anschlägen von New York und vor dem Krieg gegen die Taliban«, so Bernhard Siepen im Gespräch mit dem Grenz-Echo.
Der Gründer der GIB betont, dass das Thema auf 50 Schautafeln moslemische und christliche Burgen im Morgenland ausgewogen behandeln wird: "Damals ist viel Blut geflossen, viel Unrecht geschehen. Die Begegnung der beiden Kulturen hat aber auch befruchtend gewirkt, besonders das christliche Abendland hat damals durch den Kontakt mit den Arabern einen enormen Zivilisationsschub erfahren.«
Während die Belagerung der Johanniterburg Marqab eine Episode anschaulich macht, bei der die Araber einen weiteren Teil

Syriens von der Besatzung durch die Kreuzritter befreiten, wird das Modell des Basars von Aleppo die Betrachter in die Welt von Tausendundeiner Nacht des 14. Jahrhunderts entführen und islamische Lebensart näher bringen.
Der Basar von Aleppo war und ist der größte seiner Art auf der Welt und bis heute intakt geblieben. Er besteht aus 17 Sukhs und die Ladengassen haben eine Gesamtlänge von rund sieben Kilometern. Angesichts dieser Ausmaße ist klar, dass in Aachen nur ein Teil der riesigen Anlage nachgebaut werden kann.
Dargestellt werden eine Karawanserei, ein Kamelmarkt, Stände von Gewürz-, Gemüse- und Teppichhändlern, Werkstätten von Goldschmieden, Kupferschlägern und Töpfern. Eine Koranschule und eine Badeanstalt werden die Anlage ergänzen.

Völkerverständigung

Bernhard Siepen hat sich kürzlich mit einigen Mitarbeitern vor Ort umgesehen und einen Teil der Anlage vermessen. Unterstützt wurde er dabei von einem islamischen Architekten-Kollegen. Der Vorsitzende der GIB ist überzeugt, gerade mit dem Bazar-Projekt einen Beitrag zur Verständigung unter den Kulturen zu leisten. »Das gilt meiner Ansicht nach aber auch für das gesamte Projekt „Burgen zur Zeit der Kreuzfahrer“. Nur wer die Geschichte und damit die Hintergründe kennt, kann die Gegenwart verstehen.«

Bernhard Siepen vor einer Aufnahme der Burg von Marqab. In der Hand hält er einen Aufriss der Anlage, der als Grundlage für die Erstellung des maßstabsgetreuen Modells dienen wird.

Anne Brylla, die als Praktikantin bei der GIB arbeitet, hat aus Bauklötzen ein Vormodell des Bazars von Aleppo angefertigt, das einen Einblick von den Ausmaßen der geplanten Anlage vermittelt.