Frankfurter Neue Presse von 18. Januar 2003

Die mutigen Ritter des englischen Königs
 kämpfen im Museum


Frankfurt. Für Eroberer muss es ein entmutigender Anblick gewesen sein: Auf einer Anhöhe stießen sie auf den 55 Meter hohen Turm der Stadt Coucy, der, geschützt von 7,50 Meter dicken Mauern, kaum einzunehmen war. Zumal im Inneren, das einen Durchmesser von 30 Metern hatte, ein ganzes Dorf untergebracht werden konnte - der Turm bot Platz für Pferde, Ritter, Burgfräulein, Viehställe, Waffenkammern und Vorratslager.
Wie sich das tägliche Leben Coucy gestaltete, zeigt jetzt das Archäologische Museum. Kernstück der neuen Ausstellung "Wolkenkratzer des Mittelalters", die ab heute zu sehen ist, ist ein Modell des Turmes und der Burg von Coucy, das die Gesellschaft für Internationale Burgenkunde aus Aachen gebaut hat.
Zweieinhalb Jahre waren nötig, um 2500 handbemalte Figuren zu fertigen, die Ruinen des erst 1917 von deutschen Wehrmachtstruppen zerstörten Turmes zu vermessen, alte Quellen und Zeichnungen zu studieren, um den Turm detailgetreu nachzubauen. Der Wohn- und Wehrturm von Coucy ist der größte von mehr als 1000 so genannter „Donjons“, die in Frankreich zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert errichtet wurde.  Das  Diorama   zeigt  eine

Szene aus dem Jahre 1339, das Ende der Belagerung des Turmes durch englische Truppen. Betrachter sehen den Tag der so genannten „Ausfalloffensive“, an dem die Franzosen die englischen Belagerer besiegten. In der Vorburg treffen die Armeen aufeinander, gekämpft wird zu Pferde und mit Schwertern, beide Seiten machen Gefangene.
Jenseits des Schlachtfeldes geht das tägliche Leben weiter. Im Donjon ehren die Ritter verdiente Kämpfer mit dem Ritterschlag. Ziegen und Hühner laufen über den Burghof, Frauen bereiten im riesigen Rittersaal bereits das Festmahl, pflegen im Lazarett die Verletzten. Im Keller "arbeitet" der Folterknecht.
Auch im Feldlager der englischen Truppen kämpfen nicht alle. Schmiede fertigen neue Waffen, andere Kämpfer halten ein Mahl, die Ritter arbeiten, gebeugt über Karten, neue Strategien aus. Trotz der Miniaturform - das Modell wurde im Maßstab 1:25 gefertigt – wirkt alles ganz lebendig. Ergänzt wird die Ausstellung durch Schautafeln, die historische Zusammenhänge erläutern und andere Donjons zeigen. Ein weiteres Modell der Gesellschaft für Burgenkunde stellt ein Ritterturnier nach. Die Ausstellung, die die Vorläufer der modernen Hochhäuser vor stellt, gibt       dem       Archäologischen

Museum Gelegenheit, auch den „Donjon“ von Frankfurt vorzustellen - ein Stück fast vergessener Geschichte. Erst 1942, mitten in den Bombenangriffen, stieß man auf dem Römerberg auf das Fundament eines Rundbaus mit fast 22 Metern Durchmesser und 6,20 Meter dicken Mauern.
1970, nach. weiteren Grabungen, konnten  die Archäologen ein deutig sagen, dass es sich dabei um die Reste eines Wehrturmes aus der Stauferzeit, Anfang bis Mitte des 13. Jahrhunderts, handelt. Viel mehr ist über diesen Turm nicht bekannt, Quellen über den Bauherren, die Zeit der Errichtung oder die Nutzung gibt es keine. Fachleute vermuten, dass der  Turm nie fertig gestellt wurde. (ing)

Die Ausstellung „Wolkenkratzer des Mittelalters“ ist bis zum 6. April im Archäologischen Museum in der Karmelitergasse 1 zu sehen. Das Museum öffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, am Mittwoch bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 4, ermäßigt 2 Euro. Weitere Informationen und das Programm zur Ausstellung gibt es unter www.archaeologisches-museum.frankfurt.de

Das Modell, im Donjon von Coucy ging das Leben auch in Kriegszeiten weiter.
Während Kavallerie die Belagerung sprengt, erhalten andere Kämpfer den Ritterschlag.

Ein Blick in den Folterkeller, der gleichzeitig als Weinlager

Mit Pfeil und Geschützen wehren die Burgbewohner Eindringlinge ab.

Das Volk tanzt, der Fürst gibt den Ritterschlag, die Verteidigung steht.

Die englischen Belagerer haben alles dabei: Zelte, Pferde und Vieh, Waffen.

Die Tafel im englischen Feldlager, zum Tross gehören Köche und Vorräte.

Der Rittersaal liegt hinter den dicken Wehrmauern.

Der Sieg ist nah: Das Festmahl für die Ritter ist bereits gekocht.

Fotos: Archäologisches Museum und Heiko Rhode