Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. Januar 2003

Die Geburt der Wissenschaft aus der Anschaulichkeit
Eine Ausstellung im Archäologischen Museum zu französischen Wehrtürmen /
Riesiges Modell des Donjon von Coucy


Wollte man die großen Epochen der Weltgeschichte an einem bestimmten Bauwerk festmachen, so stünde für das Altertum der Tempel, für die Moderne das Hochhaus und für das Mittelalter die Ritterburg. Ihre imposante Anschaulichkeit hat sie jeweils zu Symbolen eines Zeitalters werden lassen - und in vielen Betrachtern das Interesse für eine genauere Beschäftigung mit ihrer Entwicklung und ihrem Zweck in ihrer Zeit geweckt. Mancher Professor der mittelalterlichen Geschichte, der heute dicke Bücher schreibt, in denen Fuß-noten mehr Platz einnehmen als der eigentliche Text, hat vermutlich als Kind zunächst im Bann der Burgruinen am Rhein und der mit ihnen verbundenen romantischen Vorstellungen gestanden.
Wenn diese These stimmt, dann könnte eine Ausstellung im Archäologischen Museum eine weitere Generation von For-schern begründen. Das gewaltige Modell des im 13. Jahrhundert errichteten Wehrturms von Coucy, das im Zentrum der Ausstellung „Wolkenkratzer des Mittelalters“ steht, ist wie geschaffen, kleine Besucher für die vermeintlich dunkle Epoche zu interessieren. Und ähnlich wie beim Spielen mit Modell-eisenbahnen können Eltern ihre eigene Faszination, die ihnen vielleicht etwas unreif erscheinen mag, hinter dem Staunen der Kinder verbergen. Egon Wamers,
Leiter  des  Museums,  hob   denn

 auch bei der Präsentation der Ausstellung hervor, dass man vor allem einen pädagogischen Zweck verfolge. In Kooperation mit dem Kindermuseum im Historischen Museum sollen junge Besucher mit dem historischen Stoff vertraut gemacht werden.
Mit 55 Metern Höhe und einem Durchmesser von mehr als 30 Metern war der Wohn- und Wehrturm von Coucy der größte der so genannten Donjons in Frankreich und im ganzen Abendland. 1917 wurde der gut erhaltene Turm von deutschen Truppen bei einer Frontkorrektur gesprengt, so dass nur ein Trümmerfeld übrig blieb. 2500 Figuren haben die Modellbauer von der Gesellschaft für Internationale Burgenkunde aus Aachen mit großer Liebe zum Detail gegossen und bemalt. Sie stellen im Maßstab 1:25 Szenen aus der Belagerung der Burg durch die Engländer im Jahr 1339 während des Hundertjährigen Kriegs dar. Eine Ausfalloffensive von französischen Reitern über die heruntergelassene Zugbrücke, die Folterung von Gefangenen im Kerker, der Angriff der Engländer mit Sturmtürmen und Sturm-leitern, aber auch ein Fest im großen Saal des Turms sind zu sehen. Wer nicht nur schauen, sondern auch lesen will, erfährt auf den zahlreichen engbe-druckten Informationstafeln das Wichtigste über die Donjons und ihre Geschichte, auf deutsch,
französisch und englisch.

Konzipiert wurde die Ausstellung vom Architekten Bernhard Siepen, der der Burgenkunde-Gesellschaft vorsteht und mehr als zehn Jahre lang durch Frankreich gereist ist, um Material über die Geschichte der Donjons und ihre militärische Funktion zu sammeln. Es wird deutlich, wie mannigfaltig. die Formen der Donjons waren. Es gab kleeblattartige, aber auch sechzehneckige Grundrisse.
Das Archäologische Museum nutzt die Gelegenheit, auch an den gewaltigen Rundturm zu erinnern, der einst auf dem Römerberg stand. Sein Umriss - er hatte einen Durchmesser von immerhin 22 Metern - ist im Pflaster markiert. Der Turm wurde vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts unter dem Stauferkönig Friedrich II. errichtet, jedoch offenbar nicht vollendet. Über seinen Zweck rätseln die Historiker noch.
Die Ausstellung ist noch bis zum 6. April im Archäologischen Museum zu sehen, das dienstags bis samstags zwischen 10 und 18 Uhr und sonntags zwischen 10 und 20 Uhr geöffnet ist. Der reichbebilderte Katalog kostet 36 Euro. Führungen für Erwachsene werden sonntags um 14 und mittwochs um 18 Uhr angeboten. Außerdem gibt es zahlreiche Sonderveranstaltungen. Weitere Informationen unter www.archae-ologisches-museum.frankfurt.de.

MATTHIAS ALEXANDER

Spaßgesellschaft im Turm, Kampfszenen vor den Mauern: Bunt und blutig war das Leben im Mittelalter.
                                                                Foto Cornelia Sick