BDB 10.-12./2000

Der Donjon von Coucy in historischer Umgebung
Das Denkmal im Denkmal


Von Studiendirektor i.R. Dr. Hans Altmann

GIB-Ausstellung FRANZÖSISCHE DONJONS

Im BDB-AIXtract 1-3/ 1999 konnte die Gesellschaft für Internationale Burgenkunde Aachen e.V. (GIB) um den BDB-Kollegen und derzeitigen 1. Vorsitzenden Architekt Dipl.-Ing. Bernhard Siepen von der Ausstellung "Französische Donjons" und einer Präsentation ihres Modells des Donjon von Coucy im Hôtel du Département in Strasbourg berichten. Die zurückhaltende Gestaltung der Innenräume dieses Gebäudes unserer Zeit mit dennoch großer Ausstrahlungskraft lenkte den Blick direkt und ausschließlich auf das imposante Modell einer in ihrem Formwillen geradezu Entgegengesetzten Epoche. Nicht anders war es in Aachen, einmal in der für Ausstellungen geeigneten Kundenhalle der Sparkasse, dann im Empfangsraum des Verwaltungsgebäudes Katschhof.

Doch es geht der GIB darum, mit der mittelalterlichen Vergangenheit überhaupt vertraut zu machen, insbesondere die weitgehend auf die Gegenwart fixierte Jugend. Sie nutzte deshalb die Möglichkeit, nicht nur mit dem Schauobjekt des Donjons selbst dieser Aufgabe nachzukommen, sondern auch mit einem Gebäude, das in seinem Formwillen dem Donjon nahe stand und ihm einen zentralen Platz einräumte. Ein Denkmal stand in einem anderen Denkmal, und beide öffneten gemeinsam den Blick für eine fremde Epoche. Das gelang bisher bei sechs Präsentationen der Ausstellung: in der frühgotischen Abteikirche St. Leger von Soissons (Gotik in der Gotik), in der romanischen Burg der Tourainer Königsstadt Loches, unter dem 12 m hohen, original erhaltenen Satteldach des Kornspeichers der Burg Mildenstein in Sachsen, in den Renaissanceräumen der Albrechtsburg direkt neben dem Meißner Dom, im Rittersaal der sehr gut erhaltenen Veste Coburg in Bayern und zuletzt im imposanten Wohnturm der Burg Kriebstein, der größten und schönsten sächsischen Ritterburg.

Deshalb ein kurzer Blick auf diese historisch bedeutsamen Bauten: Der Festungsturm am Rand der Stadt Loches in der Touraine wurde nach einer Bauzeit von ca. 60 Jahren im Jahre 1070 fertiggestellt. Nach Verlust einer Zinnenbekrönung ist er noch immer 37 m hoch. Mit der Breite von 25 m, der Tiefe von 15 m und mit an der Basis 3,50 m starken Mauern hat er neun Jahrhunderte überdauert und vermittelt heute dem Besucher der Stadt den Eindruck, den er bei seiner Planung machen sollte, den einer stolzen, der eigenen Kraft bewussten Wehrhaftigkeit. Die ehemalige Abteikirche St. Léger (St. Leodegar) inmitten von Soissons zerbricht mit ihrer wechselvollen, vom 12. bis zum 17. Jahrhundert währenden Baugeschichte, mehrfach mit Zerstörung und Wiederaufbau, dazu mit der welt- und kirchenpolitisch ungemein bewegten Biographie ihres Patrons, die mit der grauenvollen Hinrichtung auf Befehl des fränkischen Hausmeiers im Jahr 677 endete, das gängige Bild eines geradezu monolithischen Mittelalters. Am 27. August 1999 fand im Kreise von ungefähr 250 geladenen Gästen die Ausstellungseröffnungsfeier statt. Die Stadt Soissons wurde hierbei durch ihre Bürgermeisterin Mme Bouquillon vertreten. Bernhard Siepen vertrat als Gründungsinitiator, Vorstandsmitglied und Ausstellungsverantwortlicher die GIB und hob insbesondere auch den zur Völkerverständigung dienenden Beitrag des aufwendigen, authentischen Architekturmodells hervor.

In Verbindung zu dieser viel gelobten Ausstellung fand am 25. und 26. September 1999 ein buntes historisches Stadtfest und La Journée de la Fédération des Sociétés d'Histoire et d'Archéologie de l'Aisne unter Leitung von Jean Mesqui, Präsident der Société Francaise d'Archéologie, statt. Schon 1997 hatte Bernhard Siepen während des Modellbaus des Donjons von Coucy mit einigen Mitgliedern Monsieur Mesqui in Paris aufgesucht und wichtige Details mit ihm durchgesprochen. M. Mesqui, selber Bauingenieur, einer der bekanntesten Burgenwissenschaftler Frankreichs und Autor einer Menge bedeutender Veröffentlichungen, führte zum Schluss die ungefähr 200 Tagungsteilnehmer durch die Burg von Coucy, die nur 20 km entfernt von Soissons liegt und heute immer noch mit ihrer imposanten Ruine auf ihre einst geschichtliche Bedeutung aufmerksam macht, wie in Barbara Tuchmanns spannendem Geschichtsroman Der Ferne Spiegel ausführlich berichtet.

Die Albrechtsburg in Meißen kann insbesondere Schüler aus dem Westen Deutschlands erleben lassen, dass die Rede von den neuen Bundesländern in geschichtlicher Hinsicht irreführend bzw. falsch ist. Nur wenige Bauten in Deutschland können wie die Albrechtsburg auf eine 1000-jährige Baugeschichte verweisen, die in ihren verschiedenen Phasen die wechselvolle politische Geschichte deutlich macht. Ihr Höhepunkt ist der Umbau zu einem Schloss im 15. Jahrhundert, das der Rangerhöhung  Sachsens zum  Kurfürstentum  einen

repräsentativen Mittelpunkt gab, nach der Umgestaltung Prags im 14. Jahrhundert und vor entsprechenden baulichen Bemühungen in den anderen fünf Kurfürstentümern. Nach dem Vorbild der französischen Könige erhielt der Architekt die Aufgabe, der neuen fürstlichen Würde eine neue und einmalige bauliche Gestalt zu geben. Vorhang-Bogenfenster, Zellengewölbe und ein spielerisch gestalteter Treppenturm verweisen auch heute auf den damaligen Mut zum Neubeginn.

Die Veste Coburg ist auf einem sich 167 m über der gleichnamigen Stadt erhebenden Felsen der Blickpunkt eines der kleinen thüringischen Fürstentümer gewesen, die auf das frühe Mittelalter zurückgehen und in der Mitte Deutschlands von allen Grenz- und Machtveränderungen der napoleonischen Zeit unberührt, bis zum Ende aller deutschen Monarchien im Jahre 1918 bestehen geblieben sind. Zusammen mit einem ebenso kleinen Gebiet am Nordrand Thüringens machte sich dieses Herzogtum mit dem Namen Sachsen-Coburg-Gotha bzw. seine fürstliche Familie mehr als alle anderen thüringischen Länder in der Geschichte des 19. Jahrhunderts einen Namen. Die heutige Burganlage ist geprägt durch Um- und Anbauten von 1500 an, durch Spätgotik und Renaissance, kaum gestört durch Baumaßnahmen des 19. Jahrhunderts. 20 verschiedene Bestandteile lenken den Blick bei der Führung auf Politik und Architektur eines halben Jahrhunderts. Im Inneren stellen reichhaltige Sammlungen die Kultur des Landes und die künstlerischen Intentionen der herzoglichen Familie vor.

Gleichweit von Dresden, Chemnitz und Leipzig entfernt, erhebt sich die Burg Kriebstein auf einem Felsen über dem Fluss Zschopan. Nach dem Baubeginn im Jahre 1384 erhielt sie im 15. Jahrhundert ihre heutige Ausdehnung und ihre auch nach Aufstockung im 17. und baulichen Eingriffen im 19. Jahrhundert unveränderte gotische Gestalt.
Bis zur Enteignung im Jahre 1945 blieb die Burg im Besitz sich ablösender Adelsfamilien, zuletzt der von Arnim. Heute gehört sie dem Freistaat Sachsen und beherbergt ein landeskundliches Museum. Möglicherweise wechselt die Ausstellung hiernach in das klassizistische Gebäude des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr der Stadt Dresden, worum sich z. Z. noch der Dresdner Stadtkonservator Dr. Hermann Krüger bemüht.
Mittlerweile hat das Modell des Donjons von Coucy und die zur Ausstellung gehörenden 52 dreisprachigen, wissenschaftlich wie touristisch interessanten Schautafeln weit mehr als 10.000 km zwischen den genannten modernen und historischen Bauten in Deutschland und Frankreich zurückgelegt und mit mehr als 250.000 Besuchern, darunter über 1.000 Schulklassen, den großen Aufwand bei seiner Erstellung gerechtfertigt und seinen hohen Bildungswert bewiesen.

Seine bauliche Authentik in der Größe von 6 x 6 m, aber auch seine Verlebendigung durch etwa 2500 individuell gestaltete Elastolin­Preiser-Figuren faszinieren immer wieder Jung und Alt vor der Burg und in der Burg. Denn nur zur Angriffsseite zeigt sich das 2,50 m hohe Modell geschlossen, auf der Rückseite aber geöffnet durch einen geschickt gewählten und architektonisch abgestuften Schnitt durch Donjon und Palas.
Aachens Oberbürgermeister Dr. Jürgen Linden nutzte die am 2.12.1999 stattgefundene internationale Pressekonferenz dazu, um der GIB seine Anerkennung auszusprechen.
Die vom vormaligen 1.Vorsitzenden Konsul Dr. Cornel Renfert geleitete Konferenz führte Gesellschaften zusammen, die sich in Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und in den USA zur Kooperation mit der GIB bereit erklärt hatten, und sollte künftige Planungen bekannt machen. In einer mitreißenden Ansprache erklärte M. Burlet, der Vorsitzende der ARDOCC aus Compiègne, dass er sich seit Jahren für den Wiederaufbau des 1917 mit 27 t Dynamit gesprengten Donjons von Coucy einsetze. Gleichzeitig dankte er der GIB und Herrn Siepen für deren großartige Präsentation und den dauerhaften Einsatz. Bernhard Siepen verwies dem entgegen auf die leider auch zukünftig zu erwartende schmale Finanzdecke und sprach die Erwartung aus, dass im Rahmen deutsch-französischer Verbundenheit der Beitrag der GIB dazu führen sollte, dass der Donjon mit seinem ihn umgebenden gemauerten Trockengraben so freigelegt werde, dass dieses einzigartige frühgotische Militärbauwerk mit seinem Erdgeschoss präsentiert werden könne. Es sei angemerkt: Das Erdgeschoss verbirgt sich unter einem 10 m hohen Schuttkegel. Bernhard Siepen schilderte die weiteren Aufgaben und Ziele der GIB: Die drei- bald viersprachige Ausstellung solle so oft wie möglich - wenn nicht dauerhaft - auf Reisen gehen und den angemessenen Preis erzielen; auch der Weg in die USA und nach Kanada werde vorbereitet.

Bis Anfang nächsten Jahres werde ein 180-seitiger, viersprachiger Katalog herausgegeben. Die kostenlose Übersetzung in die vierte Sprache, das Niederländische, zeigt das gute Verhältnis zwischen der GIB und der Stichting Limburgse Kastelen mit Sitz in Roermond, die ungefähr 300 Denkmäler betreut, die sich für eine künftige Studienfahrt der BDB-Bezirksgruppe Aachen empfehlen.

Herr Siepen dankte allen Beteiligten für die gute Kooperation und hob insbesondere die schon langanhaltende gute Zusammenarbeit mit der Deutschen Burgenvereinigung e.V. und dem Europäischen Burgeninstitut unter Leitung von Herrn Dr. Busso von der Dollen hervor.

Am 12. Dezember 1999 wurde dem französischen Ancien Ministre André Bord für seine internationalen Verdienste um die Wanderausstellung die Ehrenmitgliedschaft verliehen. M. Bord war ein langjähriger politischer Freund des am 26. Juni 1999 verstorbenen ehemaligen 1.Vorsitzenden Dr. Hans Stercken, allen Aachenern bestens bekannt als langjähriges Mitglied des Deutschen Bundestages und jeder Zeit aktiver Sprecher für die Belange der Stadt Aachen.

Erstmals konnte zum Domfest 2000 der Aachener Bevölkerung im Verwaltungsgebäude Katschhof das Ergänzungsmodell eines Französischen Ritterturniers vorgestellt werden. 600 neue, wie die bereits vorhandenen individuell gestalteten Figuren, Kämpfer hoch zu Ross und zuschauende Damen und Herren sollen auch in den künftigen Ausstellungen farbenprächtig von einer ihres festlichen Glanzes bewussten Gesellschaft sprechen.

Inzwischen wählte die GIB ein neues, sehr anspruchsvolles Ausstellungsthema: Burgen aus der Zeit der Kreuzzüge. Über ein Ziel war man sich von vorne herein einig: die Ausgewogenheit in der Auswahl und in der Berichterstattung über christliche und moslemische Burgen. Der GIB-Vorstand konnte bereits Kenner der Burgen-, Architektur- und Geschichtsmaterie für einen Wissenschaftlichen Beirat gewinnen: Prof. Dr.-Ing. Michael Jansen und Prof. Dr. phil. Dietrich Lohrmann (beide RWTH Aachen), Prof. Dr. phil. Karl Borchardt und Prof. Dr. phil. Peter Herde (beide Univ. Würzburg), Prof. Dr. phil. Rudolf Hiestand (Univ. Düsseldorf), Prof. Dr.-Ing. Hartmut Hofrichter (Univ. Kaiserslautern), Prof. Dr.-Ing. Cord Meckseper (Univ. Hannover).

Zuerst gilt es, das nötige Geld zusammenzutragen, hoffentlich auch EU-Mittel, zu recherchieren und dann mit der Produktion von Schautafeln und eines neuen Modells, möglicherweise der Burg Margat (Syrien) des Johanniterordens im Belagerungszustand, zu beginnen.

Die Zusammenarbeit mit Lehrern und die Einbindung der Jugend in Klassen, Arbeitsgemeinschaften und Projektwochen soll in bewährter Weise fortgesetzt werden. Erstmals fanden auch Studenten den Weg in die GIB und helfen mit beim Bewältigen von EDV-Arbeiten, insbesondere an einer Homepage im Internet.

Nach wie vor sucht die GIB engagierte studentische, natürlich nicht unentgeltliche Mithilfe auf den 8-9-tägigen Montagearbeiten. Daher sind auch alle BDB­Studenten gefragt, die durch ihr Studium auf Praxis ausgerichtet sind.

Die Halbjahresprogramme zeigten in den letzten Jahren mit ihren wissenschaftlichen Vorträgen, Multimediavorstellungen und Ausstellungsbesuchen Delikatessen für Architekten und Ingenieure, was von den BDB-Mitgliedern viel zu wenig wahrgenommen wird. Ein Lichtbildervortrag mit dem Thema " Wohntürme im Norden und Osten Deutschlands" folgt am 20.November 19°° im Restaurant Altlinzenshäuschen, Eupenerstr. 378 in Aachen.

Die seit 4 1/2 Jahren arbeitende GIB mit ihren 60 Mitgliedern, ihrem Vorstand, ihrem 1.Vorsitzenden, BDB-Kollegen Bernhard Siepen, verdienen öffentliche Zustimmung und Gratulation für ihre Erfolge. Über 20 Ordner mit bis nach Amerika reichendem Schriftverkehr in vielen Sprachen zeigen in den Geschäftsräumen der GIB, welchen Einsatz und Kraft diese Arbeit erfordert. Doch scheut der Vorstand nicht die genannten und noch unbekannte Anforderungen; er ist für Anregungen von BDB-Kollegen für ein weltweites Engagement dankbar. Sie werden gerne entgegengenommen vom Vorstand der GESELLSCHAFT FÜR INTERNATIONALE BURGENKUNDE Aachen e.V.

Ihr Ansprechpartner: Architekt Dipl.-Ing. Bernhard Siepen Grindelweg 4          52076 Aachen

Tel.: 02 4 I - 60 45 00/9 69 09 98 Fax: 02 4 I - 60 40 70

E-mail: GIB-AACHEN@web. de GIB-AACHEN@burgenkunde. de

Homepage: www.burgenkunde.de www.castlescience.de

Bilder: siehe PDF-Datei